Bildung und Wissen sind Motor der Entwicklung

Seit 30 Jahren ist Sarajuddin bereits Lehrer – und noch immer ist es der Beruf seiner Träume: „Wenn die Menschen ungebildet und unwissend bleiben, können sie ihre Träume und Visionen nicht verwirklichen. Sie selbst entwickeln sich nicht weiter und auch das Land in dem sie leben nicht. Deshalb wollte ich schon als junger Mann Lehrer werden und es ist noch immer meine Leidenschaft, Kinder zu unterrichten.“

Inzwischen kann sich Sarajuddin nicht mehr ausschließlich auf seinen Lehrerjob konzentrieren, denn seit Mai 2015 ist er Schulleiter an der im gleichen Jahr eröffneten Schule in Hamdard, Provinz Balkh. Er selbst ist mit seiner Familie als Flüchtling vor zwei Jahren aus einem unruhigen Distrikt der Provinz Balkh nach Hamdard gekommen. Ein eigener Ortsteil, in dem 165 Familien von Binnenvertriebenen leben, hat sich hier entwickelt. Doch bis zur Eröffnung des neuen Schulgebäudes, dessen Bau und Ausstattung die Bundesregierung für ca. 260.000 Euro finanzierte, waren die Lehr- und Lernbedingungen für die Neuankömmlinge sehr beschwerlich.

Der Schulunterricht fand unter einem Zeltdach statt, die Kinder saßen auf dem Lehmboden. Im Winter plagte sie die Kälte, im Sommer extreme Hitze. Kein Wunder, dass viele Eltern ihre Kinder erst gar nicht in die Schule schickten. Auch die Lehrer kamen nur unregelmäßig, es fehlten Unterrichtsmaterialien, die Motivation war bei Schülerinnen, Schülern und Lehrerkollegium im Keller.

Die Situation war Dorfvorsteher Faiz Mohammed und dem Dorfältesten ein Dorn im Auge: „Das Land für die Schule hat uns die Gemeinde schnell zur Verfügung gestellt. Jedoch gab es kein Geld für ein Schulgebäude. Wir sind persönlich bei allen denkbaren Abteilungen der Provinzregierung vorstellig geworden und haben für ein Schulgebäude geworben. Dann hatten wir das große Glück, dass die deutsche Regierung die Gelder dafür zur Verfügung gestellt hat.“

Mit dem neuen Gebäude und Sarajuddin weht ein neuer Wind in der Schule. 21 Lehrerinnen und Lehrer unterrichten 13 Klassen, Mädchen und Jungen. Die Jungen wechseln ab der siebten Klasse in eine weiterführende Schule, die Mädchen bleiben laut Sarajuddin bis zur neunten Klasse, denn: „Die Eltern erlauben  ihren jungen Töchtern üblicherweise nicht, weite Schulwege zurückzulegen. Deshalb dürfen wir sie hier länger unterrichten.“

620 Schülerinnen und Schüler besuchen seit eineinhalb Jahren regelmäßig den Unterricht. Sarajuddin hat ein Auge darauf, dass alle Kinder, aber auch die Lehrkräfte, regelmäßig und pünktlich zum Unterricht erscheinen. Gleich zu seinem Amtsantritt hat er eine Versammlung des Kollegiums einberufen und klargestellt: „Jede Lehrkraft, die sich verantwortungsbewusst um ihren Unterricht kümmert, ist in meinem Team herzlich willkommen. Wer sich nicht an die Arbeitszeiten, Schulregeln und die Unterrichtsdisziplin hält, den brauche ich hier nicht.“ Strenge Worte, die ihre Wirkung jedoch nicht verfehlt haben.

Das Niveau der Schule ist rasant gestiegen. Eltern, die ihre Kinder in der Vergangenheit in Internate oder entfernt gelegene Schulen geschickt haben, schätzen die akademischen Leistungen und bringen ihre Sprösslinge wieder gern bei Sarajuddin unter. „Viele Eltern sehen das neue Gebäude und erkundigen sich nach unserem Unterrichtskonzept. Wir zeigen ihnen die Räumlichkeiten und machen unsere Ansprüche an die Schülerinnen, Schüler, Lehrkräfte und Eltern klar. Wir haben bereits 65 Neuzugänge und erwarten auch für das kommende Schuljahr weitere Anmeldungen.“

Klare Schulregeln und die Lehrstandards müssen alle Beteiligten einhalten. Der erfahrene Schulleiter selbst unterrichtet ebenfalls: Mathematik, Dari und islamische Studien. Um 7:30 Uhr beginnt der Arbeitstag, um 16:00 Uhr endet er. Das erwartet der engagierte Mann nicht nur von sich selbst, sondern von seinem gesamten Team; mit gutem Grund: „Unsere Schule möchte die neue Generation unseres Landes ausbilden und auf ihre Aufgaben vorbereiten. Die Kinder sollen lernen, Verantwortung zu übernehmen, für sich selbst, für ihr Dorf und für das ganze Land. Bildung und Wissen sind der Motor der Entwicklung. Nach meinem Verständnis ist die Schulzeit der erste Schritt, um den Fortschritt eines Landes sicherzustellen. Die Kinder kommen jetzt gern hier in die Schule und das ist der einzige Weg, wie ich meinem Land helfen kann.“

Obwohl die meisten Bewohner des Viertels als Binnenflüchtlinge in Hamdard gelandet sind, möchten sie nicht mehr zurück in ihre Dörfer und Gemeinden. Sie haben sich eine neue Existenz aufgebaut, neue Freundschaft geknüpft und eine stabile, gut funktionierende Nachbarschaft. So wie Faiz Mohammed, der einen Immobilienhandel eröffnet hat: „Die meisten von uns haben ihr vorheriges Leben hinter sich gelassen. Wir haben hier neu angefangen, das ist jetzt unsere Heimat – und eine gute Schule haben wir jetzt auch.“

Veröffentlichung: 03/2016
Programm: Soziale Integration von jugendlichen Binnenflüchtlingen (IDP) 
Auftraggeber: Auswärtiges Amt (AA)
Partner: Afghanisches Ministerium für Flüchtlinge und Repatriierung (MoRR), Provinzdirektionen Jawzjan, Balk, Samangan
Durchführungsorganisation: Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH
Provinzen: Badakhshan, Balkh, Kunduz, Samangan, Takhar, Kabul
Programmziel: Um langfristig die Lebensbedingungen von Flüchtlingen zu verbessern, soll diesen die Integration an neuen Wohnorten ermöglicht werden.
Gesamtlaufzeit: Oktober 2014 – Dezember 2016

 

 
Nach meinem Verständnis ist die Schulzeit der erste Schritt, um den Fortschritt eines Landes sicherzustellen.
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