Die Potenziale entdecken, die in uns schlummern

Hafizullah, Aria und Shahrooz studieren Wirtschaft an der Universität in Takhar. Nebenbei arbeiten die jungen Leute als Lehrkräfte, um ihr Studium zu finanzieren und ihre Familie zu unterstützen. Akademisch sind sie im inzwischen vierten Studienjahr nicht unerfahren; und doch lernten die Studentinnen und Studenten in einer Weiterbildung Themenfelder kennen, die weder in der Schule noch an der Universität behandelt werden.

Sechs Monate besuchten sie Kurse zu den Themen Stressbewältigung, Führungskompetenz, Dialog und gewaltfreie Konfliktlösung sowie Vernetzung und konstruktive Lobbyarbeit. Die Bundesregierung hat diese Kurse gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen und staatlichen Partnern ins Leben gerufen, um junge Leute in Afghanistan dazu zu ermutigen, sich für die demokratische Entwicklung ihres Landes ehrenamtlich zu engagieren.

Mit glänzenden Augen erklärt Aria, warum die Kurse für sie so besonders waren: „Ich hatte schon immer Ziele, aber die waren für mich eher gleich einem Traum, außerhalb meiner Reichweite. Jetzt weiß ich, ich kann meine Ziele Wirklichkeit werden lassen. Sie sind nicht mehr nur in meinem Kopf, sie stehen jetzt - nach den Kursen - schwarz auf weiß auf Papier.“ Aria wurde klar, wie sie sich selbst ausgebremst hat, wo ihr das Selbstvertrauen fehlte. Ihren persönlichen künftigen Lebensweg hat sie jetzt klar definiert. Lächelnd erzählt die junge Frau von der klaren Vorstellung ihrer Zukunft: „Nachdem ich mein Grundstudium abgeschlossen habe, möchte ich ein Aufbaustudium im Fach Wirtschaft absolvieren und dann Bildungsministerin werden.“

Bis es soweit ist, unterrichtet sie nebenbei Mathematik. Mit ihren Schülerinnen will sie ihre Erfahrungen aus den Kursen teilen und hat für die letzten fünf Minuten ein besonderes Programm in ihren Unterricht aufgenommen: „Diese Zeit nutze ich, meinen Schülerinnen die Instrumente zu vermitteln, die ich kennengelernt habe. In der letzten Stunde habe ich ihnen klargemacht, dass sie ihrem Gegenüber im Gespräch in die Augen schauen, bis zum Ende zuhören und andere Meinungen auf Sachebene diskutieren sollen. So gebe ich jede Stunde ein wenig von dem weiter, was ich selbst gelernt habe.“

Auch der Wirtschaftsstudent und Englischlehrer Hafizullah möchte seine neuen Fähigkeiten weitergeben. Er ist sich sicher, dass seine Schülerinnen und Schüler stark davon profitieren: „Es gibt immer wieder Schülerinnen und Schüler, die aufgrund ihrer schwierigen Lebensumstände kaum Selbstbewusstsein haben. Die lasse ich nach dem Unterricht dann beispielsweise mal aufschreiben, wo sie ihre Stärken, Schwächen, Möglichkeiten aber auch Probleme sehen. Dann diskutieren wir das Ergebnis und sie sehen plötzlich, dass ja doch einiges in ihnen steckt.“

Selbstbewusstsein hat der aus Herat stammende Shahrooz in der Fortbildung getankt. Was den Studenten am meisten fasziniert hat, war das Thema Stressbewältigung. Nach drei Jahrzehnten kriegerischer Auseinandersetzungen, teils andauernden Konflikten, einem schwierigen Arbeitsmarkt und anderen Problemen, ist psychischer Stress seiner Ansicht nach kein seltenes Phänomen innerhalb der afghanischen Bevölkerung: „Ich habe Methoden gelernt, mit psychischen Belastungen und Stress umzugehen, mich nicht davon vereinnahmen zu lassen. Jetzt kann ich schwierige Situationen besser analysieren und Lösungen entwickeln, um sie in den Griff zu bekommen.“

Dieses Know-how gibt der 23-jährige Student in den Semesterferien an die Jugendlichen in Herat weiter. Als er den zweitägigen Kurs über das Internet in seinem Heimatort ankündigte, meldeten sich prompt 62 Teilnehmerinnen und Teilnehmer an. Shahrooz hat diese Erfahrung beflügelt: „Die täglichen Sorgen und Nöte halten so viele Jugendliche davon ab, sich um ihr eigenes Fortkommen zu kümmern. In meinem Kurs in Herat habe ich die Werkzeuge zum Stressmanagement vermittelt, die ich selbst in der Fortbildung gelernt habe.“ Shahrooz wünscht sich ein Afghanistan, in dem die Menschen nicht von Jobs bei Hilfsorganisationen oder dem Staat abhängig sind, sondern beginnen, unternehmerisch zu denken und etwas selbstständig auf die Beine zu stellen. „Wir alle müssen das Potenzial entdecken, das in uns schlummert. Dann schaffen wir es auch, unser Land voranzubringen. Die Weiterbildung hat mir geholfen, diese Fähigkeiten in mir zu finden. Dieses Wissen will ich so vielen wie möglich weitergeben“, bekräftigt Shahrooz entschlossen.

Veröffentlichung: 12/2017
Programm: Ziviler Friedensdienst (ZFD)
Auftraggeber: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)
Partner: Afghanische Nichtregierungsorganisationen und Regierungsstellen
Durchführungsorganisation: Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH
Provinzen: Balkh, Samangan, Takhar, Badakhshan, Kabul
Programmziel: Friedenskonsolidierung auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene
Gesamtlaufzeit: Seit 2004

 

Ich habe Methoden gelernt, mit psychischen Belastungen und Stress umzugehen, mich nicht davon vereinnahmen zu lassen. Jetzt kann ich schwierige Situationen besser analysieren und Lösungen entwickeln, um sie in den Griff zu bekommen.
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