Ein echtes zu Hause

20 Jahre war sie auf der Flucht. Fünf Jahre innerhalb ihres eigenen Landes, danach 15 Jahre in Pakistan. Ihr Leben spielte sich in Zelten und Camps ab, ständig heimatlos. Vor drei Jahren reichte es ihr – Bibi Wazir kehrte mit ihrem Neffen in ihr Heimatland Afghanistan zurück; konkret in den Ort Muhajer in der Provinz Balkh. Ihren Mann hat die heute 45-jährige Wazir im Krieg verloren, ihre Söhne hat sie in Flüchtlingslagern großgezogen, diese sind inzwischen verheiratet.

In Muhajer haben sich mehrere Tausend Menschen angesiedelt, die in ihrem eigenen Land vor bewaffneten Konflikten und Dürre geflohen sind. Binnenvertriebene heißen sie. Und wieder lebte Wazir, genauso wie ihre Nachbarn, in Zelten, in einem Camp; ohne Wasserver- oder Abwasserentsorgung, im Sommer brütende Hitze, im Winter eisige Kälte. „Ich habe mit der Hand Wolle gesponnen und das Garn verkauft, um ein wenig Geld zu verdienen. Es war eine harte Zeit, mal wieder“, erinnert sich die energische Frau. Der Wandel begann mit 46 neuen Unterkünften für die Menschen in Muhajer.

 

Die Bundesregierung unterstützt die innerhalb Afghanistans Vertriebenen und rückkehrende afghanische Flüchtlinge, aber auch die Menschen in den Gemeinden, die all die Neuankömmlinge aufnehmen. Deren Unterstützungsbedarf wird von den lokalen Behörden des afghanischen Ministeriums für Flüchtlinge und Repatriierung (MoRR) erfasst. 555 Unterkünfte für bedürftige Familien sind so entstanden, weitere 600 Familien haben Baumaterial für die Sanierung bereits bestehender Häuser erhalten. Dort wo es am dringendsten nötig ist, unterstützt die Bundesregierung die Trinkwasserversorgung, den Bau sanitärer Einrichtungen und Straßen sowie die Errichtung und Renovierung von Schulen und Gemeindezentren. Darüber hinaus haben die Menschen die Möglichkeit, an Schulungen zur beruflichen Weiterbildung teilzunehmen. Seit 2017 haben insgesamt bereits 40.000 Menschen profitiert.

Auch für Wazir und ihre Nachbarn hat sich das Leben schlagartig geändert: „Wir haben ein echtes zu Hause bekommen, mit zwei Räumen, Küche und Bad.“ Doch nicht nur ihr neues Heim macht den Unterschied. Wie viele Bewohner von Muhajer hat sie das Angebot zur beruflichen Weiterbildung ergriffen. Zur Auswahl standen Kurse zum maschinellen Spinnen, Schneidern, Stricken, Friseur, Schreiner, Elektriker, Automechaniker, Hebamme, Gesundheitsberatung, Alphabetisierung und vieles mehr. Für Wazir war klar, was sie macht: „Mein Leben lang habe ich Wolle gesponnen, da wollte ich unbedingt mit dieser Maschine spinnen lernen!“ Am Ende des Kurses bekam die aktive Frau so wie alle Teilnehmerinnen eine eigene Spinnmaschine. „Meine Maschine arbeitet mit Solarenergie und hat eine Batterie“, erklärt sie stolz. „Damit spinne ich pro Tag ein halbes Kilo Wolle und verkaufe das Garn. Früher habe ich für diese Menge eine Woche gebraucht. Im Monat komme ich heute auf etwa 3.000 Afghani und davon können mein Neffe und ich leben“, ergänzt sie. 3.000 Afghani sind rund 35,00 Euro, ein Einkommen, das vor der Spinnmaschine für Wazir undenkbar war.

Ein neues zu Hause, Arbeit, Einkommen – für die engagierte Frau der Startpunkt, sich auch um die Belange in ihrem neuen Heimatort zu kümmern. Regelmäßig trifft sich in ihrem Haus der neu gegründete Frauenrat von Muhajer. „Wir besprechen sämtliche Probleme, mit denen Frauen in ihrem Leben und an unserem Ort konfrontiert werden und suchen nach Lösungen“, beschreibt Wazir dessen Aufgaben. Die Behörden des MoRR unterstützen die Frauen bei der Ausrichtung der Treffen sowie bei der Umsetzung gefundener Lösungen.

Akhtar Mohammad, einer der Nachbarn von Wazir, hat die Gelegenheit ergriffen und sich für den Kurs zum Automechaniker angemeldet. Mit leuchtenden Augen erzählt er: „Seit einem Monat bin ich jetzt dabei und habe schon jede Menge gelernt. Ich kenne alle Werkzeuge, weiß wie ich sie einsetzen muss und kann schon kleine Reparaturen ausführen.“ Noch weitere drei Monate wird der junge Mann den Kurs besuchen. Für ihn ist sonnenklar, was er danach macht: „Ich werde meine eigene Werkstatt eröffnen und Geld verdienen. Sogar während der Ausbildung hier bekomme ich schon ein kleines Gehalt und kann damit meine Familie unterstützen.“

Stabile Wohnverhältnisse und Chance auf Arbeit und Einkommen haben die Menschen in Muhajer verändert. Der Schleier aus Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit hebt sich, Geflüchtete und die Menschen der Gastgemeinde wachsen zusammen – die Zukunft sieht für alle wesentlich freundlicher aus.

Veröffentlichung: 05/2019
Programm: Integration von Geflüchteten in Nordafghanistan (IDP)
Auftraggeber: Auswärtiges Amt (AA)
Partner: Ministerium für Flüchtlinge und Repatriierung (MoRR)
Durchführungsorganisation: Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH
Provinzen: Balkh, Jawzjan, Samangan
Programmziel: Die afghanischen Behörden werden bei der Integration von Binnenflüchtlingen und Rückkehrenden in ausgewählten Gebieten Nordafghanistans stärker als wirksamer Akteur wahrgenommen.
Wir haben ein echtes zu Hause bekommen, mit zwei Räumen, Küche und Bad.
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