Eine Dorfklinik rettet Leben

Etwa eine Stunde über Sand- und Steinpiste von Taloqan, der Provinzhauptstadt Takhars, entfernt, liegt ein verschlafenes Dorf: Galabatur. Alles ist ruhig, auf einer kleinen Anhöhe herrscht jedoch Bewegung. Hier befindet sich die Dorfklinik.

Seit 2013 kommen die Bewohnerinnen und Bewohner der 24 anliegenden Dörfer hierher um sich ärztlich behandeln zu lassen. Vor allem schwangere Frauen und junge Mütter mit ihren Kindern nutzen dieses Angebot. Eine junge Afghanin erklärt besorgt: „Mein zwei Monate alter Sohn hat eigenartige Flecken am Kopf. Ich hoffe, dass uns der Arzt helfen kann.“

Die Hoffnung der Frau liegt auf Shah Mohammad, einem jungen Arzt, der schon seit etwa drei Jahren in der Dorfklinik arbeitet: „Dieses Gesundheitszentrum ist von enormer Bedeutung für die ländliche Bevölkerung hier. Viele Menschen haben keine Möglichkeit, das Provinzkrankenhaus in Taloqan aufzusuchen. Vor der Eröffnung dieser Klinik hatten sie daher nur einen sehr eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung. Die Menschen haben nur im Notfall Ärzte in der Provinzhauptstadt aufgesucht, wenn überhaupt. Das hat sich nun geändert.“

Dank eines umfangreichen, durch die KfW finanzierten Gesundheitsprogrammes der deutschen Bundesregierung wurde auch dieses neue Gesundheitszentrum aufgebaut, das den früheren sehr armselig eingerichteten Gesundheitsposten ersetzt hat und inzwischen auch die rund 15.000 Bewohnerinnen und Bewohner der umliegenden Dörfer mit versorgt. 

Ein Blick in den Warteraum lässt den enormen Bedarf erahnen. Shah Mohammad berichtet: „Jeden Tag versorgen wir um die 60 Patientinnen und Patienten. Unsere größte Herausforderung ist es, alle adäquat zu betreuen. Ich bin der einzige Arzt hier. Sieben Kolleginnen und Kollegen unterstützen mich tatkräftig, darunter zwei Krankenschwestern, eine Hebamme und Betreuungspersonal. Das Arbeitspensum ist enorm und manchmal wissen wir nicht, wie wir alle Menschen versorgen sollen.“ Dennoch: Ohne Behandlung wird hier niemand nach Hause geschickt. Dafür ist der Einsatz von Shah Mohammads Team zu groß. Sie wissen um die oftmals weite Anreise, die die Leute für ärztlichen Beistand in Kauf nehmen.

Die Anstrengungen machen sich bezahlt: Die Kindersterblichkeit ist in den letzten Jahren drastisch gesunken. „Mir ist kein einziger Fall bekannt, in dem ein Kind während der ersten fünf Lebensjahre gestorben ist, das bei uns in Behandlung war.“, erläutert Shah Mohammad. Dazu tragen nicht nur seine gute Behandlung und die hervorragende Ausstattung der Klinik bei. Auch die hygienische Aufklärung ist ein wichtiger Pfeiler dieses Erfolgs: „Ein großer Teil unserer Arbeit besteht darin, den Frauen zu erklären, wie sie die Gesundheit ihrer Kinder durch Hygiene und Sauberkeit schützen können. Hier helfen bereits ganz einfache Hinweise, wie etwa die Notwendigkeit des Händewaschens, bevor sie ihre Kinder füttern. Die Frauen nehmen sich diese Ratschläge sehr zu Herzen.“

Die starke Bereitschaft der afghanischen Bevölkerung, ihre Gesundheitssituation und jene ihrer Kinder zu verbessern, äußert sich auch in der Bereitwilligkeit der Frauen, sich von einem Mann behandeln zu lassen – und dem Einverständnis der Familien dazu. Mit großer Dankbarkeit nehmen so auch Afghaninnen die Behandlung von Shah Mohammad an. Selbst wenn sich die eine oder andere Frau dann doch unwohl fühlt, muss sie nicht darauf verzichten. „Ich arbeite sehr eng mit den Krankenschwestern zusammen. Wenn etwa das Abtasten der Patientin durch einen Mann ein Hindernis darstellt, bitte ich meine Kolleginnen, das für mich zu übernehmen. Ich sage ihnen dann an, wo sie die Patientin abtasten sollen und frage sie, was sie spüren. Im Großen und Ganzen funktioniert das sehr gut.“, verdeutlicht Shah Mohammad.

Die guten medizinischen Dienstleistungen der Klinik sind aber nicht nur auf das gute Zusammenspiel zwischen Arzt, Krankenschwestern und Hebamme zurückzuführen. Das gesamte Personal hat vor der Eröffnung Fortbildungen erhalten, die über den Inhalt ihrer ursprünglichen Ausbildung hinausgingen. Dabei wurden sie u.a. auch in der Verwendung der medizinischen Geräte, mit denen das Gesundheitszentrum ausgestattet wurde, geschult. Diese werden nun intensiv genutzt. „Die Ausstattung unserer Klinik ist hervorragend, vor allem im Vergleich zu anderen Dorfkliniken. Wir haben beispielsweise ein eigenes kleines Labor, das es uns ermöglicht, eine Tuberkulose-Erkrankung festzustellen. Dadurch konnten wir Leben retten.“

Ein verstecktes, stolzes Lächeln huscht über Shah Mohammads Gesicht. Er hat schon im Alter von 27 Jahren erreicht, wovon er immer geträumt hat: Gutes für seine Mitmenschen tun.

Veröffentlichung: 08/2017
Programm: Wiederaufbau des Regionalkrankenhauses Balkh in Mazar-e Scharif sowie Neubau eines Mutter-Kind-Zentrums, Kapazitätsentwicklung für das Regionalkrankenhaus in Mazar-e Scharif, Rehabilitierung des Provinzkrankenhauses in Faizabad (Badakhshan), Rehabilitierung von Krankenhäusern und Gesundheitsstationen an sieben Standorten in den Provinzen Badakhshan, Kunduz und Takhar (u.a. Regionalkrankenhaus Kunduz und Provinzkrankenhaus in Taloqan), Unterstützung bei der Ausrottung von Kinderlähmung (Polio)
Auftraggeber: Auswärtiges Amt (AA), Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), Japanische Agentur für Internationale Zusammenarbeit (JICA), Schwedische Agentur für Internat-ionale Entwicklungszusammenarbeit (SIDA), Norwegische Regierung
Partner: Afghanisches Ministerium für Öffentliche Gesundheit
Durchführungs-organisationen: Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH, KfW
Provinzen: Badakhshan, Balkh, Kunduz, Takhar
Programmziel: Aufbau eines funktionsfähigen Gesundheitssystems mit moderner Krankenhausinfrastruktur und qualifiziertem Personal, um zum zivilen Wiederaufbau des Landes beizutragen.
 

 

 

Die Ausstattung unserer Klinik ist hervorragend, vor allem im Vergleich zu anderen Dorfkliniken.
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