Förderung der Gleichberechtigung der Geschlechter im Sport

Als Haleema Sangar einst ihren Bruder und seine Freunde beim Ballspielen beobachtete, rannte sie los und trat den Ball. Er flog so hoch, dass ihre Freunde und Freundinnen und die anderen Kinder ihr langanhaltenden Applaus schenkten. Niemand hatte den Ball jemals so hoch fliegen gesehen und in den folgenden zwei Wochen sprachen alle in der Schule und der näheren Umgebung darüber.

Viele Leute sprachen auch schlecht über Sangar, denn sie hielten sportinteressierte Mädchen für ein Zeichen von Deliquenz.

Das war Kandahar in den 1960ern.

Im modernen Afghanistan ist die Situation kaum anders, berichtet Sangar, die heute 62 Jahre alt und Sportlehrerin an der Rabia Balkhi Oberschule in Kabul ist. Als unlängst zwei ihrer Schülerinnen für die Fußballnationalmannschaft ausgewählt wurden, wurde diesen von ihren Familien die Teilnahme verboten.

„Weil Familien Sport als ein Zeichen der moralischen Abweichung ansehen“, erklärt Sangar, die die Familien der beiden Mädchen persönlich kontaktierte, bis der Vater eines der beiden Mädchen nach viel Überzeugungsarbeit und Beschwichtigung seine Erlaubnis gab.

„Heute bin ich sehr zufrieden. Meine Schülerin küsste meine Hände… Sie ist jetzt ein Mitglied der afghanischen Mannschaft und geht nach Indien um an der Südasienmeisterschaft teilzunehmen.

Sangar ist Teil einer kleinen Gruppe von Leuten, die daran arbeiten, Sport unter Frauen in Afghanistan zu fördern. Sie erhalten Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH, im Auftrag der Bundesregierung, die seit dem Fall des Taliban Regimes 2001 zum Wiederaufbau Afghanistans beiträgt.

Durch das Programm „Sport für Entwicklung“ im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat die GIZ ein Pilotprojekt gestartet, das Sport und körperliche Betätigung unter Mädchen und jungen Frauen in Afghanistan beliebter machen soll.

In einem Land, in dem Frauen aus dem öffentlichen Leben sowie kulturellen Aktivitäten und Sport über mehrere Jahre hinweg ausgeschlossen wurden, ist die Schule vielleicht die beste Gelegenheit um junge Frauen mit Sport in Verbindung zu bringen.

Hier kommt das GIZ-Programm zum Tragen. Es stellt Sportlehrerinnen und -lehrern pädagogisches und praktisches Training zu Verfügung, um die Qualität und Quantität des Turnunterrichts in Mädchenschulen zu verbessern.

Das Programm begann letztes Jahr, überwacht von der Deutschen Sporthochschule Köln, und hat bis jetzt 116 Turnlehrerinnen und -lehrer in 58 Mädchenschulen in Kabul, Mazar-e Sharif und Aybak fortgebildet.

Das Training wird von “Meistertrainern und -trainerinnen” geleitet, die meist der Bewegungserziehungsdirektion des afghanischen Bildungsministeriums angehören und eine zweiwöchige Ausbildung in Kabul absolviert haben.

Bei durchschnittlich 1.500 Schülerinnen pro Schule hat das Programm also etwa 87.000 Schülerinnen erreicht.

Morteza Emami, Projektleiter von „Sport für Entwicklung“ bei der GIZ, erklärt, dass das Projekt in den Provinzen Balkh und Samangan sowie in Kabul läuft.

„Wir haben auch eine Anleitungs-DVD entwickelt, die verschiedene Sport- und Aufwärmübungen beinhaltet, angepasst an örtliche Bedingungen und Ressourcen, sodass sie von allen Schulen und Sportlehrerinnen und -lehrern im ganzen Land verwendet werden können“, erzählte er. Die DVDs werden an über 2.500 Schulen in Afghanistan verteilt.

In anderen Teilen der Welt ist eine Ausbildung für Sportlehrerinnen und Sportlehrer eine Grundvoraussetzung, doch in Afghanistan hat der Großteil der Fitnesslehrer und Fitnesslehrerinnen keine formelle Ausbildung; viele von ihnen unterrichten andere Fächer und unterrichten Sport, weil sie selbst in ihrer Schulzeit oder an der Universität gut in Sport waren.

Das GIZ-Training soll den Unterricht in Mädchenschulen in ganz Afghanistan verändern, indem es Lehrerinnen und Lehrern praktisches und systematisches Wissen zu ihrem Fach zur Verfügung stellt. Des Weiteren erhalten Schulen, deren Lehrkörper an dem Training teilgenommen hat, Sportausrüstung, mit der die Lehrerinnen und Lehrer Erlerntes auch umsetzen können.

Weeda Ghyasi, eine Sportlehrerin an der Cheelstoon Mädchenschule in Kabul, sagt, sie kann ihren Schülerinnen nun viel Neues beibringen, von den Regeln verschiedener Spiele, über Wurftechniken bis hin zum Spielen von Volleyball und Basketball.

„Vor dem GIZ-Training, wusste ich weder die Regeln im Basketball, noch wie man den Ball dribbelt oder zuspielt – jetzt weiß ich das alles“, berichtet sie.

Ghyasi, 25, ist eine ehemalige Schülerin von Haleema Sangar, an der Rabia Balkhi Schule spielte sie in den Fußball- und der Basketballmannschaften.

Sangar meint, das GIZ-Training ist vor allem für nicht ausreichend ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer von Vorteil. „Hier (in Afghanistan) sind wir vielleicht vier oder fünf professionelle Lehrerinnen und Lehrer. Die meisten wissen überhaupt nichts, sie gehen mit den Schülerinnen und Schülern auf den Spielplatz und sagen ihnen, was sie machen dürfen und was sie nicht machen dürfen“, erzählt sie. „Durch das Programm haben sie viel gelernt.“

Ein weiterer wichtiger Aspekt des GIZ-Trainings ist außerdem, dass Ausstattung und Material, wie verschiedene Arten von Bällen, Hindernissen oder Ringen, zur Verfügung gestellt wird. „Ohne die richtige Ausstattung können wir nicht unterrichten“, sagt sie.

Doch die meisten Schulen vernachlässigten dieses Unterrichtsfach, gaben kein Geld für Ausrüstung und Ausstattung aus, und verordneten nur eine Stunde Sport wöchentlich.

„Wir haben beim Bildungsministerium angefordert, den Sportunterricht auf zwei Stunden pro Woche zu erhöhen“, berichtet Sangar.

Die Frauen ihres Landes dazu zu motivieren, einfache Sportarten und Übungen wie Yoga zu Hause auszuüben, würde ihnen nicht nur helfen, Rückenschmerzen und Diabetes vorzubeugen, sondern auch mit ihren psychologischen Problemen umzugehen, sagt Sangar.

„Ein altes afghanisches Sprichwort besagt: ‚Jene mit gesundem Körper haben ein weises Gehirn’“, erklärt sie. „Ich habe eine einen Wunsch: dass afghanische Frauen zuhause den Sport, genauso wie das Beten, in ihre tägliche Routine einbinden.“

Veröffentlichung: 03/2017
Programm: Sport für Entwicklung in Afghanistan (S4D)
Auftraggeber: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)
Partner: Direktorat für Sport (PED) des afghanischen Ministeriums für Bildung, Bildungsabteilungen der afghanischen Provinzregierungen, GIZ-Programm zur Förderung der Grund- und Sekundarbildung in Afghanistan (BEPA), Deutsche Sporthochschule Köln (DSHS)
Durchführungsorganisation: Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH
Provinzen: Kabul, Balkh
Programmziel: Ausbau des sportpädagogischen Angebots in Schulen sowie Curricula-Entwicklung für das Fach Sport im Lehramtsstudium.
Gesamtlaufzeit: März 2016 – Dezember 2018
 
Heute bin ich sehr zufrieden. Meine Schülerin küsste meine Hände.
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