Frauenquote für Shighnan

Der nächste größere Ort ist rund sieben Autostunden von Shighnan, dem Zentrum des gleichnamigen Distrikts, entfernt. Die Kleinstadt befindet sich in der Provinz Badakhshan, im Grenzgebiet des bergigen Nordostens Afghanistans. Tadschikistan liegt auf der anderen Seite des Flusses, zum Greifen nahe.

Die Analphabetenrate in Shighnan liegt bei unter zehn Prozent, wogegen im Rest des Landes durchschnittlich rund 60 Prozent der Bevölkerung weder lesen noch schreiben kann. Viele junge Leute aus Shighnan haben das Abitur oder sogar einen Universitätsabschluss, doch die große Masse ist arbeitslos. Das war den Ältesten des Dorfes ein Dorn im Auge und sie wandten sich im April 2015 an die afghanische Unabhängige Kommission zur Reform des öffentlichen Sektors.

Mit Unterstützung der Bundesregierung initiierte die Kommission ein neunmonatiges Praktikantenprogramm in der öffentlichen Verwaltung für junge Frauen. Denn von den 1.500 öffentlichen Angestellten in der Region Shighnan sind nur 20 Prozent weiblich. Diese Quote will die Regionalregierung in Shighnan erhöhen und Frauen mit einem akademischen Abschluss den Quereinstieg über ein Praktikum ermöglichen.

In der ersten Runde des Praktikantenprogramms hat die 23-jährige Suhaila einen Platz ergattert. Die ausgebildete Lehrerin hat nach Abschluss ihres Studiums keinen Job gefunden und nun die Chance des Quereinstiegs genutzt: „Bei dem Eingangstest zum Praktikum haben sich 450 Frauen beworben, auf nur 15 Plätze. Ich bin so froh, dass ich es geschafft habe.“ Für die junge Frau begann eine Zeit intensiven Lernens. Vormittags standen theoretische Inhalte wie Management, Controlling, Verwaltungsrecht, Beschaffung, Personalwesen und Projektmanagement auf dem Lehrplan. Am Nachmittag stand die Praxis im Mittelpunkt. „Ich habe jeden Monat in einer anderen Institution gearbeitet und so einen wirklich guten Einblick in die Arbeit unterschiedlicher Büros gewonnen. Ich war an einer Mädchenschule, einem Gesundheitszentrum für Frauen, im Distriktkrankenhaus, in der Schulverwaltung und in einem Zentrum für Suchtkranke. Mit jeder Arbeitsstelle habe ich an Erfahrung und Wissen gewonnen“, freut sich Suhaila.

Seit dem Ende des Praktikums arbeitet die engagierte Frau an einer Schule – in der Verwaltung sowie im Lehrbetrieb. Ihre Ausbildung und die Berufserfahrung aus dem Praktikum kann sie hier optimal einbringen: „Ich arbeite als Aushilfslehrerin und unterstütze in der Verwaltung. Im Praktikum habe ich gelernt, Anträge zu formulieren und offizielle Briefe zu verfassen. Das kommt mir hier zugute.“

Ähnlich wie Suhaila ging es auch der 29-jährigen Soraia. Die Mutter zweier Kinder hat ebenfalls Lehramt studiert und ist seit sechs Jahren arbeitslos. Von dem Praktikum ist sie begeistert: „Die praktische Arbeit hat mir geholfen, mich im Joballtag zurecht zu finden. Ich habe gelernt, Aufgaben und Projekte zu organisieren und konnte vergessenes Wissen aus dem Studium reaktivieren.“ Jetzt arbeitet die junge Mutter als Lehrerin an der Schule in Viyar, etwa eine Stunde von ihrem Wohnort Shighnan entfernt. Ihren Job findet sie sehr wichtig: „In unserem Distrikt gibt es nur sehr wenige Lehrerinnen. Es ist für die Kinder jedoch wichtig, von Männern und Frauen unterrichtet zu werden. Deshalb hoffe ich, dass das Praktikantenprogramm weiterläuft und noch mehr Absolventinnen als Lehrerinnen eingestellt werden.“

Einstimmig betonen die beiden Frauen, dass sie es sich nach diesen Erfahrungen problemlos zutrauen, die nächsten weiblichen Praktikantinnen des Programms an ihren Schulen zu betreuen und zu unterstützen. Soraia bekräftigt: „Wir möchten unsere positiven Erfahrungen mit anderen arbeitssuchenden Frauen teilen und ihnen ebenfalls Jobmöglichkeiten eröffnen.“

Veröffentlichung: 01/2018
Programm: Förderung Guter Regierungsführung (RCD)
Auftraggeber: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)
Partner: Unabhängige Direktion für lokale Regierungsführung, afghanische Ministerien: Finanzministerium, Ministerium für Wiederaufbau und Entwicklung in ländlichen Gebieten (MRRD), Ministerium für Information und Kultur (MOIC), Ministerium für Frauenangelegenheiten
Durchführungsorganisation: Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH
Provinzen: Badakhshan, Baghlan, Balkh, Kunduz, Samangan, Takhar
Programmziel: Staatsorgane sind fähig, Dienstleistungen auf subnationaler Ebene zu erbringen und Bürgeranfragen selbstständig gerecht zu werden.
Gesamtlaufzeit: Juli 2014 – März 2018
 
 
Ich habe gelernt, Aufgaben und Projekte zu organisieren und konnte vergessenes Wissen aus dem Studium reaktivieren.
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