Juristisches Tagesgeschäft hautnah

Nach vier Jahren Jurastudium haben Sumaia und Lida ein tiefgreifendes Wissen über die gesetzlichen Grundlagen Afghanistans erworben. Schon als junges Mädchen wollte Sumaia Juristin werden: „Die miserable Situation der Frauen in meinem Land ist mir bereits aufgefallen, als ich in der neunten Klasse war. Der Mann entfernter Verwandter hat seine Frau geschlagen. Sie musste arbeiten, die Kinder und das Haus versorgen und er hat gar nichts gemacht. So etwas ist hier im Land keine Seltenheit. Ich bin Juristin geworden, um diesen Frauen zu helfen, einen Ausweg aus ihrer Situation zu finden.“

Das erste Etappenziel hat die engagierte junge Frau erreicht: Ihren Bachelor an der Jura-Fakultät der Balkh Universität in Mazar-e Scharif. Die 26-jährige Lida hat ihren Bachelor an der Sharia-Fakultät der Universität Balkh erlangt.

Doch wie sich das umfangreiche juristische Regelwerk in die Praxis übertragen lässt und wie sie es anwenden müssen – davon hatten beide nach dem Studium keine rechte Vorstellung. Auf der Internetseite von ACBAR (Jobbörse für Afghanistan) fanden die beiden Absolventinnen eine Ausschreibung zu einem sechsmonatigen Praktikum in der Justizbehörde in Mazar-e Scharif, das die Bundesregierung finanziert. Mit ihrer Bewerbung hatten sie Erfolg und ergatterten einen Praktikumsplatz. Fahrtkosten, Essensgeld und ein kleines Gehalt ermöglichten es den frisch gebackenen Juristinnen, ihre theoretischen Kenntnisse nun in der Praxis in verschiedenen Abteilungen zu prüfen: Straf- und Zivilrecht, Jugendstrafrecht, öffentliches Recht und in der Huquq-Abteilung (ähnlich zu deutschen Schiedsgerichten), die Mediatoren koordiniert.

Gemeinsam mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen haben die beiden Frauen die tägliche Arbeit bewältigt: Die Akten neuer Fälle studiert, sie juristisch geprüft, mit dem Staatsanwalt gesprochen und sich um Pflichtverteidiger für die Beschuldigten gekümmert, wenn diese sich keinen Anwalt leisten konnten. Lida erklärt: „Diese Arbeit unterscheidet sich vollkommen von dem, was wir an der Universität gemacht haben. Es ist viel interessanter, an realen Fällen zu arbeiten, die Menschen dahinter kennenzulernen und ein Teil des juristischen Prozesses zu sein.“ Je nach Abteilung kamen ganz unterschiedliche Herausforderungen auf die jungen Frauen zu. In der Zeit in der Huquq-Abteilung lernte Lida, wie der Huquq (Mediator) mit den betroffenen Parteien umgeht, wie er sie behandelt und Lösungen für den Streitfall anbietet. Ihre Augen glänzen, wenn sie daran denkt: „Ich habe in der Huquq-Abteilung Mediation gelernt. Der Huquq schafft es, zerstrittene Parteien zu einer Schlichtung zu führen, mit der beide Seiten glücklich sind. Es war sehr spannend, das zu erleben.“

Sumaia hatte vor Beginn des Praktikums bereits ihre Anwaltslizenz bei der Anwaltskammer beantragt und erhalten. Nach einiger Zeit der Einarbeitung erlaubte ihr der Leiter der Justizbehörde, in der Rechtshilfeabteilung als Rechtsbeistand für Frauen und Kinder in Zivilfällen zu arbeiten. Für Sumaia eine einmalige Chance, Erfahrungen zu sammeln: „Ich durfte an aktuellen Fällen arbeiten. Insgesamt waren es 25 Streitfälle, die ich während des Praktikums betreut habe. Ich habe unglaublich viele Erfahrungen sammeln können und habe in meinem Traumjob gearbeitet – Frauen zu helfen, die raus aus ihrer Misere wollen.“ Sumaias großes Ziel ist es, Richterin zu werden. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Es fehlen das Masterstudium und mindestens zwei Jahre Berufserfahrung in Kabul.  Im Augenblick arbeitet sie in der Verwaltung, um Geld für das Studium zu sparen. Sumaia kann sich dennoch glücklich schätzen: „Meine Eltern motivieren mich, meine juristische Ausbildung fortzusetzen und unterstützen mich, wo sie können. Die ganze Familie steht hinter mir, das ist in Afghanistan etwas Besonderes.“

Lida hat nach dem Praktikum einen Job im Programm für Förderung der Rechtsstaatlichkeit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH bekommen. Hier hält sie enge Kontakte zur Justizbehörde und organisiert die Praktika der nächsten Generation von Jurastudentinnen. Für den Master fehlt ihr das Geld. Der Job ist eine gute Chance, fachlich weiterzuarbeiten und gleichzeitig Geld zu sparen. Nachdenklich erklärt sie: „Die Bedingungen für Frauen in Afghanistan sind wirklich sehr schlecht. Es ist schwer, eine Stelle zu bekommen – wir werden überall diskriminiert. Der Grund für meine Berufswahl ist ganz einfach: Ich will die Diskriminierung beenden und die Rechte der Frauen in unserer Gesellschaft verteidigen!“

Beide sind sich nach Abschluss des Praktikums einig: „Wir werden nie vergessen, was wir während des Praktikums gelernt haben. Wenn wir etwas vergessen, dann vielleicht die ganze Theorie von der Uni, aber die Anforderungen des Arbeitsalltages gewiss nicht.“

Veröffentlichung: 03/2016
Programm: Stärkung der Rechtsstaatlichkeit (RoL)
Auftraggeber: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), Außenministerium des Königreichs der Niederlande, finnisches Außenministerium
Partner: Afghanisches Justizministerium
Durchführungsorganisation: Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH
Provinzen: Balkh, Samangan, Baghlan, Kunduz, Takhar, Jowzjan, Herat, Badakhshan, Kabul
Programmziel: Rechtssicherheit für Bürgerinnen und Bürger schaffen – durch die Beratung afghanischer Institutionen und Errichtung rechtsstaatlicher Einrichtungen zur Konfliktbewältigung.
Gesamtlaufzeit: Januar 2014 – Oktober 2018
 

 

Es ist viel interessanter, an realen Fällen zu arbeiten, die Menschen dahinter kennenzulernen und ein Teil des juristischen Prozesses zu sein.
Twitter icon
Facebook icon
More stories in this sector