Lernfabrik Baumschule

In Samangan, einer Provinz im Norden Afghanistans, macht der Anbau von Nüssen den Großteil der Landwirtschaft aus – insbesondere von Mandeln und Pistazien, aber auch von Walnüssen. Die Bedingungen sind hart: Heiße und trockene Sommer bereiten den Bauern große Schwierigkeiten auch so viel zu erwirtschaften, um für sich und ihre Familien sorgen zu können. Nussbäume sind nicht sehr ertragreich und die Anbaumethoden der Bauern eher schlicht.

Doch nun hat die moderne Landwirtschaft Einzug in Samangans Provinzhauptstadt Aybak gehalten. Auf einer Fläche so groß wie zehn Rugbyfelder erstreckt sich die Baumschule (genaugenommen eine Wurzelstockfarm) des Ministeriums für Landwirtschaft und Viehzucht (DAIL). Die Fläche ist nach Art und Größe der Wurzelstöcke unterteilt. Später werden die Wurzelstöcke an Bauern verkauft, um somit deren Ernten zu erhöhen. Allerdings werden auf der Farm nicht nur Wurzelstöcke für die landwirtschaftliche Nutzung kultiviert; die Baumschule ist außerdem eine wahre Lernfabrik.

Viktor, Mitarbeiter der deutsch-afghanischen Entwicklungszusammenarbeit im Programm zur nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung und Beschäftigungsförderung (SEDEP), arbeitet seit über einem Jahr mit afghanischen Partnern des Ministeriums für Landwirtschaft und Viehzucht zusammen. Bei seiner Ankunft war der Großteil der Baumschule überwuchert und die Pflanzen gingen durch Schädlinge und Wassermangel ein. Monatelang hat Viktors Team hart gearbeitet. Der Aufwand hat sich gelohnt: Heute befindet sich die Baumschule in einem ausgezeichneten Zustand –für alle Beteiligten ein langer Lernprozess.

“Ich hatte das nötige Hintergrundwissen, um in Obstgärten zu arbeiten. Über den Anbau in diesem Umfeld musste ich allerdings noch viel lernen. Hier ist es wichtig, sich immer wieder neues Wissen anzueignen. Deshalb habe ich den Kollegen immer wieder Fragen gestellt und sie angeregt, ihre Arbeit zu hinterfragen. Alles eine Frage der Neugier – und die Leute hier auf der Wurzelstockfarm sind sehr neugierig“, erklärt Viktor.

„Oh, schaut euch das an!“ –Viktor hat auf einem der kleinen Bäume ein Insekt entdeckt. Sein Kollege Jawed fängt den Käfer. Aufgeregt beäugen ihn die Beiden. Sie kommen zu dem Schluss, dass es sich um den Schädling Capnodis handelt, der unbedingt entfernt werden muss. “Genau so lernen wir hier: Wir beobachten, analysieren und probieren uns aus“, so Jawed. „Ich habe schon viele Insekten untersucht und mittlerweile weiß ich, welche gut sind und welche nicht.“

Mohammed Ibrahim, Angestellter des DAIL, leitet die Wurzelstockfarm. Auch er findet, dass man die verschiedenen Insekten unbedingt unterscheiden können sollte. Er ist zufrieden damit, was er alles über Bewässerung gelernt hat. „Bisher war Wassermangel unser Hauptproblem. Die meiste Zeit war es zu trocken und die Pflanzen konnten nicht wachsen. Viktor hat mir verschiedene Techniken gezeigt, Wasser effizienter zu nutzen“, so Ibrahim. Er geht zu einem Feld, auf dem viele kleine Bäume wachsen. Die Besonderheit: sie sind alle von kreisförmigen Erdhaufen umgeben. Ibrahim nennt sie Doughnuts: „Die Doughnuts verhindern, dass Wasser wegfließt und dableibt wo es hinsoll: am Baum.“

Zusätzlich zu dieser Methode, Wasser nah an den Wurzeln zu halten, wird im Moment ein neues Tropfbewässerungssystem installiert. Das Wasser tropft langsam direkt auf die Wurzel – so wird Wasser eingespart. Die Bundesregierung finanziert die Installation der Bewässerungssysteme: “Wenn wir Wasser weiterhin so nutzen wie bisher, können wir die Pflanzen nur zweimal im Jahr bewässern. Eine unfassbare Verschwendung. Im Grunde bewässert man Erde, die überhaupt kein Wasser benötigt. Durch die Tropfbewässerung können wir Wasser effizienter nutzen und die Pflanzen das ganze Jahr bewässern“, so Viktor. „Die Tropfbewässerung macht einen großen Unterschied“, fügt Mohammad Ibrahim hinzu. „In der Vergangenheit sind unsere Pflanzen einfach vertrocknet, da wir sie auf Grund unserer ineffizienten Wassernutzung nicht regelmäßig bewässern konnten. Das hat sich jetzt geändert. Wir sparen Wasser, indem wir nur noch die Pflanzen bewässern, nicht die Erde.“

Das Team der Wurzelstockfarm ruht sich jedoch nicht auf den bisherigen Erfolgen aus. Sie alle wollen weiter ihre Arbeit verbessern und Vorreiter ihres Fachs werden, indem sie Anbaumethoden an lokale Gegebenheiten anpassen. Aktuell bauen sie die Pflanze Asafoetida an, die für die bergigen Gegenden in Samangan geeignet sein könnte – und damit Potential hat, dortige Einkommen zu steigern. Die klebrige Flüssigkeit in der Wurzel schmeckt nach Knoblauch und wird viel in Indien genutzt. Viktor erklärt, dass eine Pflanze ein Kilogramm Resin (die klebrige Flüssigkeit) hervorbringt. Dafür bekommt man etwa 100 Euro. Bisher ist noch niemandem in Afghanistan der erfolgreiche Asafoetida-Anbau gelungen. Die Mitarbeiter der Baumschule haben dort die Erde genau untersucht – etwas, was Viktor ihnen beigebracht hat – und herausgefunden, dass die Pflanze hing in dieser Gegend angebaut werden könnte.

Ob Mohammad Ibrahim, Jawed, Viktor und deren Kollegen eine Pflanze entdeckt haben, die das Leben vieler Bauern verbessern könnte, wird sich zeigen. Denn die Pflanze muss etwa vier Jahre alt sein, bevor sie Erträge abwirft. Sie sind zuversichtlich. In jedem Fall werden sie weiter versuchen, den Pflanzenanbau in der Provinz zu verbessern.

Veröffentlichung: 07/2017
Programm: Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung und Beschäftigungsförderung (SEDEP)
Auftraggeber: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)
Partner: Afghanische Ministerien: Ministerium für Industrie und Handel (MoIC), Ministerium für Finanzen, Ministerium für Landwirtschaft, Bewässerung und Viehzucht (MAIL), Ministerium für ländliche Rehabilitierung und Entwicklung (MRRD); Afghanische Industrie- und Handelskammer (ACCI)
Durchführungsorganisation: Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH
Provinzen: Kabul, Badakhshan, Baghlan, Balkh, Samangan, Kunduz, Takhar
Programmziel: Das Programm zielt darauf ab, neue Arbeitsplätze und Einkommensmöglichkeiten für Afghanen zu schaffen. Die Aktivitäten konzentrieren sich auf fünf Wertschöpfungsketten, darunter Nüsse, Milchprodukte, Geflügel, Weizen und Gemüse.
Gesamtlaufzeit: März 2014 – Dezember 2018
 
Bisher war Wassermangel unser Hauptproblem. Die meiste Zeit war es zu trocken und die Pflanzen konnten nicht wachsen. Viktor hat mir verschiedene Techniken gezeigt, Wasser effizienter zu nutzen.
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