Medizinisch gut versorgt

Morgenvisite im Abu Sinha Balkhi Lehrkrankenhaus in Mazar-e Sharif: Etwas verunsichert schaut der ältere Herr aus seinem Bett den Oberarzt an, der sich fürsorglich über ihn beugt. Mit geübten Händen tastet er den Patienten ab, prüft die Infusion und spricht die Behandlung mit der Krankenpflegerin ab. Assistenzärztinnen und Ärzte sind mit von der Partie und hören interessiert den Erklärungen des Oberarztes zu – Krankenhausalltag.

Bis Anfang 2012 sah dieser Alltag jedoch ganz anders aus. Ein Brand hatte das ehemalige Provinzkrankenhaus 2006 völlig zerstört. Geschäftsführer Dr. Mohebullah Jawed erinnert sich noch deutlich: „Wir mussten die zu behandelnden Personen in Zelten und Containern versorgen. Selbst Operationen haben wir dort durchgeführt. Die Mortalitätsrate war entsprechend hoch.“ Dabei sind sehr viele Menschen auf das Krankenhaus angewiesen. Es ist Anlaufstelle für rund eine halbe Million Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt Mazar-e Sharif und das einzige Überweisungskrankenhaus für 1,25 Millionen Einheimische der Provinz Balkh. Die Gesundheitsversorgung wurde laut Professor Mohammad Nader Alemi, Chefarzt der Psychiatrie, zunehmend prekär: „Der Druck auf unsere Arbeit nahm stetig zu. Die Schwierigkeiten bei der Patientenversorgung gerieten zunehmend außer Kontrolle.“ In dieser Situation finanzierte die Bundesregierung den Bau einer neuen Klinik mit moderner Ausstattung.

Die Arbeitsbedingungen des Personals haben sich seitdem extrem verbessert. Das Krankenhaus konnte seinen Lehrbetrieb wiederaufnehmen und bildet fortlaufend rund 50 junge Medizinerinnen und Mediziner für drei bis fünf Jahre fort. Dr. Gholam Haider ist ausbildender Arzt der Inneren Medizin. Zufrieden blickt er sich um: „Das neue Krankenhaus war innerhalb von zwei Jahren fertig. Wir verfügen über höchste medizinische Standards in der Diagnostik und der Ausstattung. Jetzt haben wir hier eines der besten Krankenhäuser in Afghanistan.“ Dem medizinische Fachpersonal der acht verschiedenen Stationen stehen sieben Operationssäle, eine Intensivstation, die Notaufnahme, ein Röntgenraum und Labore zur Verfügung. Bei komplizierten Fällen greift es auf moderne telemedizinische Ausrüstung zurück und kontaktiert Kolleginnen und Kollegen rund um die Welt, um sich mit diesen zu beraten. Für die Kranken stehen 360 Betten zur Verfügung, in der Notaufnahme stehen mehr als 20 bereit. Davon profitieren nach Ansicht von Ausbildungsleiter Dr. Yawezi nicht nur die Patientinnen und Patienten im Lehrkrankenhaus: „Wir haben jetzt perfekte Bedingungen, um junges Fachpersonal in unterschiedlichen Disziplinen auszubilden. Die gehen im Anschluss in andere Provinzen und Distrikte hier im Norden und bringen dann das Know-how mit, um die Menschen dort richtig zu behandeln.“

Die jungen Medizinerinnen und Mediziner nehmen nicht nur fachbezogenes Wissen mit. Sie lernen im Abu Sinha Balkhi Lehrkrankenhaus auch effiziente Abläufe und gutes Krankenhausmanagement kennen. Mehr als 400 Mitarbeitende der Klinik nahmen in den letzten Jahren an Aus- und Fortbildungen und arbeitsbegleitenden praktischen Anleitungen teil, die zum Paket des von der Bundesregierung finanzierten Projektes gehören. So straffte das Personal Arbeitsabläufe, reorganisierte den Patientenfluss, optimierte Raumaufteilungen, digitalisierte die Patientendokumentation und Lagerhaltung, verbesserte Abfallmanagement und Instandhaltung. 14 gut ausgebildete technische Fachkräfte sorgen dafür, dass Installationen und Geräte ordnungsgemäß funktionieren. Sie können alle anfallenden Reparaturen und Wartungsarbeiten eigenständig durchführen.

Ein Ort für Mütter und Kinder

Auf den meisten Stationen läuft es rund. Ausnahmen sind die Kinderheilkunde und Entbindungsstation. Dr. Malalai Laghman absolviert gerade ihre Fortbildung auf der Gynäkologie und Geburtshilfestation. Die Situation ist hier noch sehr unbefriedigend, beschreibt die junge Ärztin: „Wir müssen teilweise drei Patientinnen in der Entbindungsstation in ein Bett legen, weil wir einfach nicht genügend Platz haben. Außerdem fehlen uns moderne Diagnoseinstrumente, so dass wir Mütter, Ungeborene und Kinder nicht optimal versorgen können.“

Aus diesem Grund unterstützt die Bundesregierung die Erweiterung des neuen Krankenhauses um ein Mutter-Kind-Zentrum, das Ende 2018 voll funktionsfähig sein soll. 160 Betten stehen den werdenden Müttern dann zur Verfügung, 160 weitere Betten der Kinderstation. Moderne medizinische Einrichtungen sollen die adäquate Patientenversorgung sichern. Laghman kennt die neuen Pläne und blickt zuversichtlich in die Zukunft: „Mit der Erweiterung werden sich unsere Probleme in Luft auflösen. Dann haben wir genug Platz und optimale Behandlungsmöglichkeiten. Ich freue mich sehr, dass ich meine Fortbildung dort weiterführen werden kann und mit dem modernen Equipment arbeiten werde.“

Veröffentlichung: 09/2018
Programm: Wiederaufbau des Regionalkrankenhauses Balkh in Mazar-e Scharif sowie Neubau eines Mutter-Kind-Zentrums, Kapazitätsentwicklung für das Regionalkrankenhaus in Mazar-e Scharif,
Auftraggeber: Auswärtiges Amt (AA)
Partner: Afghanisches Ministerium für Öffentliche Gesundheit
Durchführungsorganisationen: KfW
Provinzen: Balkh
Programmziel: Aufbau eines funktionsfähigen Gesundheitssystems mit moderner Krankenhausinfrastruktur und qualifiziertem Personal, um zum zivilen Wiederaufbau des Landes beizutragen.

 

Wir haben jetzt perfekte Bedingungen, um junges Fachpersonal in unterschiedlichen Disziplinen auszubilden.
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