Starke Frauen

Während Azada Sepher mit Kolleginnen in einer Besprechung der Polizeistation des Distriktes Dehdadi der Provinz Balkh im Norden Afghanistans sitzt, wird sie von wütenden Stimmen in der Empfangshalle abgelenkt. Eine Frau und ein Mann liefern sich eine hitzige Diskussion. Kurz entschlossen geht die engagierte 47-jährige dazwischen und fragt, was los sei.

Die junge Frau erklärt aufgelöst: „Obwohl ich als Lehrerin mein eigenes Geld verdiene, kann ich darüber nicht frei verfügen. Mein Mann nimmt mir mein Gehalt einfach weg. Das geht so nicht weiter, deshalb will ich ihn anzeigen.“ Bei diesen Worten echauffiert sich ihr Mann sehr. Das Ehepaar beginnt zu streiten. Azada redet geübt auf die beiden ein und ihr gelingt es, sie zu beruhigen. Dann lädt sie das Paar ein, sie in ihr Büro zu begleiten.

Azada, hauptberuflich ebenfalls Lehrerin, ist eine von über 100 Gender Focal Points (Ansprechpartnerinnen für Frauen) im Norden Afghanistans. Seit 2015 unterstützt die Bundesregierung das afghanische Ministerium für Frauenangelegenheiten dabei, dieses Netzwerk für Frauen und Mädchen in Not aufzubauen. Die Gender Focal Points arbeiten ehrenamtlich und haben unterschiedliche berufliche und gesellschaftliche Hintergründe. Sie beraten hilfesuchende Frauen und Mädchen in ihren Gemeinden bei juristischen Fragen und klären sie über ihre Rechte auf. Häufig geht es dabei um familiäre Streitigkeiten, aber auch um schwere Fälle wie häusliche Gewalt, Zwangsehen und Vergewaltigung. Die Ansprechpartnerinnen suchen mit den Konfliktparteien nach Lösungen und leiten Fälle, wenn nötig, an juristische Institutionen, Streitschlichterbüros – sogenannte Huquq-Büros – oder an die Provinzniederlassungen des Frauenministeriums weiter. Denn: Viele Frauen und Mädchen wissen oft nicht, an wen sie sich in Notlagen wenden können oder trauen sich nicht, die zuständigen Institutionen aufzusuchen. In fortlaufenden Schulungen erwerben und vertiefen die Gender Focal Points kontinuierlich die benötigten rechtlichen Grundlagen und erlernen für ihre Arbeit unverzichtbare Mediationstechniken.

Azada ist inzwischen geübt, mit aufgebrachten Konfliktparteien umzugehen. Als Afghanin kennt und versteht sie die kulturellen und gesellschaftlichen Strukturen im Land undkann sich gut vorstellen, was in den Köpfen des Ehepaares vorgeht. In ihrem Büro hört sich die erfahrene Ehrenamtliche beide Seiten geduldig an. Dann findet sie klare Worte. Sachlich erläutert sie den beiden die Rechte der Ehefrau. Der Ehemann hört aufmerksam zu und stellt dann seine Sicht der Dinge dar. Erst sieht er sich weiterhin im Recht. Nach intensiver Diskussion stellt er jedoch fest, dass seine Handlungen jeglicher gesetzlichen Grundlage entbehren. Daraufhin entschuldigt er sich bei seiner Frau und gelobt Besserung. In entspannter Atmosphäre verabschieden sich die zwei. Strahlend erzählt Azada: „Einige Wochen später habe ich den Ehemann in seinem Geschäft getroffen. Er hat mich sehr respektvoll behandelt und mir tatsächlich gedankt, dass ich das Eheproblem der beiden so rasch gelöst habe.“

Die Gender Focal Points haben sich viel vorgenommen. Sie wollen afghanischen Frauen bei der Durchsetzung ihrer Rechte bestmöglich unterstützen. Mit dieser Arbeit verändern sie nach und nach auch das gesellschaftliche Bewusstsein im Land. Sakina Nejrabi, ebenfalls Ansprechpartnerin für Frauen, ist im Nahr-e Shahi Distrikt der Provinz Balkh tätig. Sie macht klar: „Die Situation für Frauen ist nicht einfach. Die meisten kennen ihre Rechte nicht. Ihre Familien, die Gesellschaft und auch sie selbst denken, dass ein Mädchen von Geburt an nur zu Hause hocken, heiraten und Kinder kriegen soll. Durch unsere Arbeit ändern wir diese Einstellung allmählich.“ Die engagierten Aktivistinnen klären über Frauenrechte auf, organisieren Informationsveranstaltungen, bieten Beistand. Sakina sagt, dass sie einen Großteil aller Fälle in Nahr-e Shahi zur Zufriedenheit der Beteiligten und ihrer Familien lösen konnte. Die Beratung ist kostenlos und stößt bei hilfesuchenden Frauen und Mädchen auf hohe Akzeptanz. Die Unterstützung durch Ansprechpartnerinnen wie Azada und Sakina ist jedoch nicht immer ausreichend. Pragmatisch erklärt Sakina: „Die komplizierten und sehr ernsten Fälle bringe ich vor Gericht, denn die bedürfen einer fundierten Prüfung. Die betroffenen Frauen begleite ich dabei.“

Um die Arbeit der mittlerweile in acht Provinzen aktiven Gender Focal Points im Norden Afghanistans weiter zu professionalisieren, organisiert das Ministerium für Frauenangelegenheiten mit Unterstützung der Bundesregierung regelmäßige Austauschtreffen, Konferenzen und Workshops. Hier teilen die Frauen ihre Erfahrungen, geben Tipps, bilden Netzwerke und tauschen sich aus.  Bei diesen Veranstaltungen sind auch Vertreterinnen und Vertreter der Regierung, juristischer Institutionen, der Polizei, sowie von Nichtregierungsorganisationen und Ältestenräten anwesend. So gelingt es eine enge Verbindung zwischen den staatlichen Institutionen und   den ehrenamtlich arbeitenden Frauen zu knüpfen.   Der Provinzgouverneur von Baghlan brachte es anlässlich eines solchen Treffens im April 2018 auf den Punkt: „Ich erwarte von jeder juristischen Institution, dass sie mit den Gender Focal Points kooperiert und sie unterstützt, wo sie nur kann.“

Veröffentlichung: 06/2019
Programm: Stärkung der Rechtsstaatlichkeit (RoL)
Auftraggeber: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Außenministerium des Königreichs der Niederlande
Partner: Afghanisches Justizministerium
Durchführungsorganisation: Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH
Provinzen: Kabul, Balkh, Jawzjan, Baghlan, Samangan, Kunduz, Takhar, Badakshan
Programmziel: Rechtssicherheit für Bürgerinnen und Bürger schaffen – durch die Beratung afghanischer Institutionen und Errichtung rechtsstaatlicher Einrichtungen zur Konfliktbewältigung
Gesamtlaufzeit: April 2003 – Mai 2021
د ښځو وضعیت اسانه نه دی. ډیری یې د دوی حق نه پیژني.
Die Situation für Frauen ist nicht einfach. Die meisten kennen ihre Rechte nicht.
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